Ich bin dann mal weg

Alle an Bord!

Kanuwandern auf der Wümme

Kanutour 2017Kanutour 2017

Es startete am ersten Tag mit Zick-Zack-Fahren, Kentern eines Bootes und dem Eindruck, gar nicht von der Stelle zu kommen. Auch die gesamte Versorgung drum herum wurde von den jungen Menschen selber verrichtet: das Gepäck wasserdicht einpacken und in den  Booten  verstauen, mehrfach Boote umtragen, abends, müde von der  Fahrt, Zelte aufbauen und Essen kochen, morgens mit Muskelkater das gleiche in umgekehrter Reihenfolge. Dazu kamen Hindernisse wie sie jeder Kanufahrer kennt: ins Wasser hängende Bäume und Sträucher bei schmaler, kurvenreicher Flussführung sowie anhaltender Regen, der in unserer Gruppe am dritten Tag alle Beteiligten bis auf die Haut durchnässte.

Das waren für die vier Jungen und fünf Mädchen im Alter zwischen 13 und 17 Jahren echte Grenzerfahrungen. Ausdauer und Durchhaltevermögen, Belastbarkeit und Frustrationstoleranz waren gefragt und konnten trainiert werden. Das sind Aspekte, an denen sie in ihrem normalen Alltag manchmal gescheitert sind und die für einige von ihnen als längerfristiges Ziel einer Bereuungsmaßnahme definiert sind. Alle neun Jugendlichen werden in ambulanten oder stationären Kontexten der Caritas-Erziehungshilfe Bremen betreut. Sie kommen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen und Lebensumfeldern und haben verschiedene kulturelle und religiöse Hintergründe. Sie  weisen unterschiedliche Entwicklungsstände auf und bringen das ein oder andere Handicap mit.

Geplant, organisiert und begleitet wurde die Kanutour von Michaela Heere, Jens Jürgenbering und Anika Kalinowski, drei pädagogischen Mitarbeiter*innen der Caritas-Erziehungshilfe gGmbH Bremen. Sie verstehen es als ihren Auftrag, den jungen Menschen Erfahrungen zu ermöglichen, an denen sie wachsen können. Sie wissen, dass in einem besonderen Kontext mit völlig neuen Anforderungen ganz andere Seiten eines Menschen zum Vorschein kommen können als im Alltag und dass ein Jugendlicher neue Talente und Fähigkeiten an sich entdecken und dadurch seine Rolle im Leben neu definieren kann.

Während dieser Kanutour erlebten die Jugendlichen viel Neues, was sie anspornte, bestärkte, verwunderte, erfreute, ins Nachdenken brachte …

Erster Tag:

  • Schnell wurden die ungewohnten körperlichen Bewegungsabläufe und Belastungen spürbar. Bei einem gemeinsamen Mittagspicknick wurde wieder Kraft geschöpft und der eine oder andere praktische Tipp ausgetauscht, um den Rest der Strecke zu bewältigen. Einige tauschten auch ihre Positionen und kamen so besser voran.

  • Nach der ersten Tagesetappe kamen dann alle müde und kaputt in Scheeßel auf dem Campingplatz an. Die ersten äußerten bereits Zweifel, ob sie die nächsten Tage durchhalten würden. Alle rafften sich jedoch noch einmal auf und bauten gemeinsam die Zelte auf. Auch dies war für viele eine neue Erfahrung. Mit gegenseitiger Unterstützung konnten sich jedoch schon bald alle einen gemütlichen Schlafplatz einrichten.

  • Zum gemeinsamen Tagesabschluss fanden sich alle noch einmal zum Grillen und am Lagerfeuer sitzen zusammen, wo sich über die Erfahrungen und körperlichen Strapazen des ersten Tages ausgetauscht wurde. Die Pädagog*innen zeigten den Jugendlichen auf, welche Fortschritte sie bereits am ersten Tag gemacht haben und sprachen ihnen Mut für den morgigen Tag zu.

Zweiter Tag

  • Alle waren guter Dinge, als sie merkten, dass sie am zweiten Tag bereits viel schneller vorankamen als noch am Vortag.

  • Schnell fanden wieder alle Zweier-Teams ihren eigenen Rhythmus und so fuhren alle jeweils in ihrem Tempo. Während die einen sich über verschiedene Themen austauschten, genossen andere die Natur und die Tiere, die unterwegs zu sehen waren, oder lieferten sich kleine Wettrennen, alberten miteinander rum oder sangen, um sich die Zeit zu vertreiben.

  • Beim Kanuverein in Rotenburg angekommen äußerten 3 der Jugendlichen abbrechen zu wollen. Im gemeinsamen Gespräch entschieden sich 2 jedoch dabei zu bleiben. Eine Jugendliche blieb jedoch bei ihrer Entscheidung und fuhr von Rotenburg mit dem Zug nach Hause.

  • Die anderen Teilnehmer*innen gingen ins Schwimmbad, wo sie sich schnell von den Strapazen des Tages erholten und die gemeinsame Zeit genossen.

  • Abends wurde zusammen Pizza gebacken, gemeinsam gegessen und als Tagessabschluss wieder das gemeinsame Gruppentagebuch ausgefüllt.

  • Trotz des Abbruchs einer Jugendlichen erholte sich die Stimmung in der Gruppe schnell und die Jugendlichen fanden noch einmal anders zusammen. Alle hatten sich nun dafür entschieden und fest vorgenommen gemeinsam den Rest des Weges zurückzulegen und zu schaffen und machten sich entsprechend Mut.

Dritter Tag

  • Diesmal merkten die Jugendlichen selbst, wieviel Übung sie bereits hatten. Und diejenigen, die in  den letzten Tagen eher weiter hinten fuhren, waren diesmal ganz vorne dabei.

  • Die Jugendlichen entwickelten einen hohen Ehrgeiz und bestimmten selbst, erst nach zwei Drittel der Strecke die gemeinsame Mittagspause einzulegen.

  • Zudem wurden sie durch die Sohlgleiten auf der Strecke motiviert, die immer wieder Abwechslung und Herausforderung boten. Die Jugendlichen zeigten sich sehr stolz, wenn sie eine Sohlgleite wieder erfolgreich durchfahren hatten. Ein Kenterunfall bei der letzten Sohlgleite schweißte die Gruppe zusätzlich zusammen. Alle packten mit an und halfen sich gegenseitig.

  • Auch der einsetzende Starkregen auf dem letzten Drittel der Strecke hielt die Jugendlichen nicht davon ab, weiter zu fahren.

  • Aufgrund der Wetteraussichten der nächsten beiden Tage und der zum Teil mangelnden wetterfesten Bekleidung der Jugendlichen entschieden die Pädagogen vor Ort, die Kanufreizeit an dieser Stelle bei noch guter Stimmung der Jugendlichen abzubrechen.

  • Die gesamte Gruppe beschloss sich aber am nächsten Tag noch einmal zum Mittagessen zu treffen und so einen gemeinsamen Abschluss zu gestalten.

Gemeinsame Auswertung

  • Gemeinsam wurde so am nächsten Tag noch einmal über das Erlebte gesprochen und sich ausgetauscht. Die Jugendlichen bekamen von den Pädagogen individuelle Urkunden verliehen, um noch einmal zu verdeutlichen, was sie in dieser kurzen Zeit alles geleistet haben.

  • Die Jugendlichen zeigten sich stolz durchgehalten zu haben und entwickelten in den drei Tagen ein hohes Gemeinschaftsgefühl. Von Anfang an unterstützen sie sich gegenseitig. Und vor allem die Jugendlichen, die im Alltag häufig durch negatives Verhalten auffielen, packten tatkräftig mit an und halfen den anderen.

  • Die Auseinandersetzung mit sich selbst und den körperlichen Anstrengungen unterwegs, sowie das Zurechtkommen in der Gruppe war für die sehr unterschiedlichen Jugendlichen Herausforderung genug, so dass es keines weiteren Tagesimpulses bedurfte. Dieser entwickelte sich von selbst für jeden Einzelnen. Während zum Beispiel der eine mit seiner Ausdauer kämpfte, ging es für eine andere darum einen Platz in der Gruppe zu finden oder einfach darum sich ohne mediale Ablenkung mit seinen eigenen Gedanken auseinanderzusetzen. Der gemeinsame Abschluss im Rahmen des Gruppentagebuchs bot noch einmal für jeden einzelnen Raum zur Reflektion des Erlebten und bot Anregungen zum gemeinsamen Austausch.

  • Trotz des vorzeitigen Abbruchs waren sich am Ende alle Teilnehmer*innen und die Pädagog*innen einig, dass die Kanufreizeit zwar anstrengend, aber ein voller Erfolg war. Alle zeigten sich stolz durchgehalten zu haben und entwickelten Ideen für eine erneute Ferienfreizeit im nächsten Jahr.

Möglich wurde die Reise durch eine sehr großzügige Spende des Vereins Andere Zeiten e. V. 

Autoren: Jens Jürgenbering, Lisa Schulte